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Last-Mile

Hermes: die Suche nach dem Investor und warum das für den Online-Handel von Bedeutung ist

Ein Jahr ist es nun schon her, dass Otto deutlich gemacht hat, dass sie Hermes loswerden wollen. Im Konzernsprech wurde dann recht schnell abgerüstet auf einen „strategischen Investor, der langfristig zur Unternehmenskultur passt“. Gleichzeitig zeigte sich Otto dafür offen sogar die Mehrheit an Hermes abzugeben.

Sehr schnell ist es dann aber auch wieder sehr ruhig geworden um diese Meldung. Wirkliche Updates oder gar verbindliche Statements vom Konzern gab es nicht. Der Schmerz und die Dringlichkeit werden noch nicht groß genug gewesen sein und öffentichkeitswirksame Bieter wie Amazon wurden ohnehin von Vornherein ausgeschlossen. Schätzungsweise wickelt Hermes 98% des gesamten Otto-Paketaufkommens ab daher will man sich die Konkurrenz nicht direkt ins Haus holen. Hinzu kommt, dass  nach unserer Einschätzung gar nicht mal so viele Interessenten bei Otto Einblick in den Datenraum genommen haben – und falls ja, dann doch schnell abgewunken haben.

Jetzt verdichten sich die Signale, dass eine Verkaufsentscheidung kurz bevorsteht. Aktuelle Analysen zu den Otto-Unternehmenszahlen zeigen für uns: Otto setzt ganz auf Profitabilität, die Ausschüttungen an die Eigentümer-Familie erreichen einen neuen Hochpunkt – gleichzeitig hat man mit Hermes Verluste eingefahren und massive Altlasten „auf der letzten Meile“ belegen mangelnde Zukunftsfähigkeit.

Unserer Einschätzung nach verbleiben nur noch ganz wenige tatsächliche Kaufinteressenten und die Entscheidung steht kurz bevor.

Warum ist dieser Investor von Bedeutung für den Online-Handel?

Neben der ganz offensichtlichen Bedeutung für viele Online-Händler aufgrund bestehender Verträge mit Hermes, gibt es noch einen strategischen Grund: Nach den mehr und mehr ans Tageslicht kommenden strukturellen Defiziten, die Hermes vor allem auf der letzten Meile hat, steht ein Kollaps des bestehenden Abwicklungssystems bevor.

Einige große Online-Händler haben bereits seit einigen Jahren erkannt, dass es am Ende des Tages darum geht ausreichend Kapazität und Fallback-Szenarien über verschiedene Player auf der letzten Meile im Zugriff zu haben.

Der Großteil der E-Commerce Unternehmen allerdings ist von nur einem KEP-Dienstleister abhängig. Nicht nur Hermes leidet an diesen strukturellen Defiziten, andere Dienstleister haben dieselben Probleme. Mit dem Investor bekommt Hermes nun allerdings die Chance einen Teilhaber zum Zug kommen zu lassen, der durch neue Ansätze und eine wirklich tiefgreifende Neustrukturierung des Auslieferungsmodells den eigenen Betrieb zukunftsfähig zu machen. Sollte stattdessen eher ein Investor mit einem „Weiter-So“-Ansatz das Ruder übernehmen, könnte sich die Krisenspirale auf der letzten Meile umso schneller drehen. Wir sind gespannt!