Anthropics Einstieg in Agentic-Commerce: Drei Signale einer strategischen Wende

Lange galt Anthropic als klarer Gewinner im Developer-Segment – mit Claude Code als „best-kept secret" der Coding-Community und einer starken Enterprise-API-Basis. Viele Beobachter schlossen daraus: Anthropic hat den Consumer-Wettlauf verloren oder aufgegeben. Die vergangene Woche lieferte drei Signale, die diese Einschätzung korrigieren - und zeigen, dass Anthropic nicht nur zurück im Consumer-Rennen ist, sondern gezielt in Agentic Commerce vordringt.

Die strategische Wende: Claude verlässt die Developer-Nische

Claude Code war über ein Jahr hinweg ein Werkzeug für Insider: ein Coding-Agent im Terminal, der Entwicklern beim Schreiben, Refactoring, Debugging und Shipping von Code hilft. Die Durchbruchsphase begann im Dezember, als das Opus 4.5 Modell „every capability barrier" durchbrach und viele Skeptiker konvertierte. Vor wenigen Wochen folgte der nächste Schritt: Anthropic brachte mit „Cowork" eine Consumer-Version heraus, die auch Non-Coding Use Cases zugänglich machte. Die Nutzung explodierte.

Drei Signale für einen neuen Kurs

Signal 1 – Werbefrei als Kampfansage

Anthropic verkündete, dass Claude-Konversationen werbefrei bleiben: keine Sponsored Links, kein Advertiser-Einfluss auf Antworten. Diese Ankündigung wurde flankiert von einer Serie Super Bowl-Ads, die OpenAIs kürzlich angekündigtes Ad-Business offen verspotteten. Die Botschaft: Werbung erzeugt Bias; Claude ist die No-Bias-Alternative.

Die Kampagne ging viral – und provozierte eine öffentliche Reaktion von Sam Altman, der Anthropic Unehrlichkeit vorwarf: ChatGPT habe explizit klargestellt, dass ihr Ad-Modell anders funktionieren werde. Altman hat formal recht. Doch die Auseinandersetzung zeigt vor allem eines: Anthropic hat sich entschieden, OpenAI im Consumer-Markt direkt herauszufordern – und nutzt die Werbefrei-Positionierung als Differenzierungsmerkmal.

Signal 2 – Agentic Commerce explizit auf der Agenda

Im Blogpost „Claude is a space to think" formulierte Anthropic erstmals öffentlich ihre Commerce-Ambitionen: „AI will increasingly interact with commerce, and we look forward to supporting this in ways that help our users. We're particularly interested in the potential of agentic commerce, where Claude acts on a user's behalf to handle a purchase or booking end to end."

Der entscheidende Zusatz folgte direkt: „...interactions... will be grounded in the same overarching design principle: they should be initiated by the user (where the AI is working for them) rather than an advertiser." Konkret nannte Anthropic Use Cases wie die Recherche von Laufschuhen, den Vergleich von Hypothekenzinsen oder Restaurant-Empfehlungen.

Die Positionierung ist klar: Der Commerce-Layer soll sich nach Nutzeranfragen richten – nicht nach den Zahlungen von Marken. Ob diese Linie langfristig hält, ist offen. Kurzfristig aber zieht Anthropic damit eine philosophische Grenze gegen OpenAIs mutmaßlichen Kurs (dessen genaue Ausgestaltung noch nicht öffentlich ist).

Signal 3 – MCP Apps als konsolidierter Standard

Das dritte Signal erhielt weniger mediale Aufmerksamkeit, könnte aber die größte strategische Tragweite haben: Am 26. Januar shippten Anthropic und OpenAI gemeinsam MCP Apps als offizielle MCP-Extension – basierend auf MCP-UI und dem OpenAI Apps SDK. Was zuvor als „ChatGPT Apps" firmierte, wird nun unter dem Begriff „MCP Apps" konsolidiert; OpenAIs eigene Dokumentation enthält mittlerweile eine Seite „MCP Apps compatibility in ChatGPT".

Hinter MCP-UI steht die Vision eines neuen Internet-Standards: UI-Komponenten, die in AI-Apps gerendert werden – nicht Webpages in Browsern. Konkret bedeutet das: Statt reiner Textantworten liefern MCP Apps vollwertige UI-Komponenten – von Dashboards mit Live-Daten über konfigurierbare Formulare bis zu interaktiven Visualisierungen. Nutzer interagieren direkt in der Konversation, ohne die Umgebung wechseln zu müssen. Die Konsolidierung über ChatGPT, Claude und VS Code hinweg markiert einen echten Standard-Shift.

In der Praxis bedeutet das: Anthropic ist sehr nah daran, Commerce direkt in die Claude-App einzubetten. Infrastruktur, App-Layer und Ad-Free-Positionierung sind vorhanden. Was fehlt, ist die Checkout-Integration.

Die Checkout-Frage: Zwischen Pragmatik und Positionierung

Hier wird es strategisch komplex. Als Checkout-Optionen stehen zwei Protokolle im Raum: OpenAIs ACP, das noch keine echte Distribution hat, und Googles UCP, das zwar nicht fully live ist, aber die besten Distribution-Chancen mitbringt.

Das Positionierungsproblem ist offensichtlich: Anthropic hat gerade vor der ganzen Welt gegen OpenAI Stellung bezogen. Deren Commerce-Protokoll zu übernehmen, wäre zumindest „awkward". Zugleich dürfte Google mit UCP strukturell der stärkere Partner sein – wenn Distribution und Reichweite im Consumer-Markt zählen.

Die Checkout-Komponente für Claude wird in den kommenden Monaten eine der spannendsten Weichenstellungen im Agentic-Commerce-Feld sein. Sicher ist: Anthropic ist zurück im Rennen – und positioniert sich bewusst als Gegenmodell zu OpenAI.

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